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In den USA und England gibt es seit Anfang der 80er
Jahre Disabilitiy Studies, übersetzt „Behindertenwissenschaft“. Was verbirgt sich dahinter und welche Chancen gibt es hierfür bei uns? Prof. Dr. Theresia Degener spricht über die spannende und für
Deutschland neue,Wissenschaft“.
Disability Studies könnte man mit
Behinderungswissenschaft übersetzen, aber ich benutze lieber den englischen Begriff Disability Studies, weil er in vielen Ländern dieser Welt benutzt wird (auch dort, wo man nicht englisch spricht) und
weil er für einen bestimmten Inhalt steht.
Disability Studies(DS)
ist zunächst eine politische Wissenschaft, denn sie hat sich aus der politischen Behindertenbewegung entwickelt. Die Erfahrungen, die Behindertenbewegungen, die vor etwa vierzig Jahren entstanden, politisch gemacht haben, sind der Boden, auf denen die Gedanken der DS entstanden. Eine der wichtigsten politischen Dinge, die die Behindertenbewegung gelernt hat ist, daß Behinderte unterdrückt und ausgesondert werden, so wie andere Minderheiten oder andere Gruppen in der Bevölkerung auch. Behinderte werden ebenso diskriminiert wie Menschen mit dunkler Hautfarbe oder wie Fraün. Die Diskriminierung und Unterdrückung behinderter Menschen sind die eigentlichen Probleme. Aber das wird selten zugegeben. Stattdessen wird immer wieder gesagt, Behinderte würden leiden, weil ihnen etwas fehlen würde, ein Arm oder zwei, die Beine, die Augen oder ein schnelles Gehirn. Behinderte, die sich für ihre Rechte einsetzen, wissen aber daß es die Treppen sind, die Rollstuhlfahrern das Leben schwer machen, daß es die fehlende Gebärdensprache ist, die gehörlose Menschen einsam macht, daß es die schwere Sprache ist, die Menschen mit Lernschwierigkeiten daran hindert zu verstehen.
Politische Behindertenbewegungen gibt es nun auf der
ganzen Welt, aber DS gibt es erst in wenigen Ländern. Zürst gab es DS in den USA und in England wo sie Anfang der 80er Jahre erstmals an Universitäten gelehrt wurde. Heute gibt es in diesen beiden
Staaten eigene Professuren für DS. An einigen Universitäten gibt es bereits eigene Abteilungen, in denen nur DS gelehrt und geforscht wird. Inzwischen wird DS aber auch z.B. in Kanada, Australien,
Norwegen, Frankreich, Irland, Südafrika oder in Japan gelehrt.
Als geistige Väter der DS gelten in den USA der
behinderte Soziologe Irving Kenneth Zola und in England der behinderte Sozialwissenschaftler Michäl Oliver. Beide entwickelten etwa gleichzeitig die Theorie des sozialen Models von Behinderung als
Gegensatz zum medizinischen Model von Behinderung. Nach dem sozialen Model ist Behinderung vor allem sozial konstruiert, d.h. Behinderung wird von der Gesellschaft künstlich zu einem Problem gemacht.
Nach dem medizinischen Model ist Behinderung vor allem eine krankhafte Störung, d.h. die Gesellschaft denkt, dass Behinderung ein Fehler der Behinderten selbst ist.
Nach dem sozialen Model sind es die Treppen am Eingang
eines Hauses, die es einer Rollstuhlfahrerin unmöglich machen in das Haus hinein zu kommen. Nach dem medizinischen Model kommt die Rollstuhlfahrerin nicht in das Haus, weil sie nicht gehen kann. Sieht
man die Treppen als das Problem, dann besteht die Lösung darin, eine Rampe zu baün. Sieht man die Unfähigkeit zu Laufen als Problem, dann besteht die Lösung darin, die Behinderte zu heilen und wenn das
nicht geht, muß sie eben draußen bleiben.
DS gehen also davon aus, daß Behinderung von außen
gemacht wird und nur teilweise von innen kommt. Als Wissenschaft stellen DS die Frage, wie genau dieses „von außen machen“ geht. Es wird die Frage gestellt, wer eigentlich darüber entscheidet, wer
behindert ist oder nicht. Es wird die Frage gestellt, warum nichtbehinderte Architekten es sich erlauben können nur Treppen und keine Rampen zu baün. Es werden die Fragen gestellt, warum in der Schule
keine Gebärdensprache unterrichtet wird und warum behinderte Kinder in eine Sonderschule gehen müssen.
Weil die Konstruktion von Behinderung - also dieses „von
außen machen“ - in allen Bereichen des Lebens stattfindet, sind DS interdisziplinär. Interdisziplinär bedeutet, daß viele verschiedene Fachrichtungen aus verschiedenen Wissenschaften zusammen kommen. So
gibt es Soziologen, Juristen, Mediziner, Geschichts- Literatur- oder Wirtschaftswissenschaftler, die DS betreiben. Je nach Fachrichtung werden unterschiedliche Fragen untersucht. Eine
Geschichtswissenschaftlerin beschäftigt sich z.B. mit der Frage, wie Behinderte im Mittelalter behandelt wurden, oder welche berühmten Menschen, die vor langer Zeit lebten eigentlich behindert waren.
Eine Literaturwissenschaftlerin schaut nach, in welchen Märchen, Krimis, Romanen oder Gedichten behinderte Menschen vorkommen und welche Rollen sie in der Literatur spielen. Ich als Juristin beschäftige
mich mit der Frage, wann man nach dem Gesetz als behindert gilt, wie Gerichte behinderte Menschen behandeln oder wo Gesetze ungerecht zu Behinderten sind.
Ihr Ansatz und ihre politischen Wurzeln verbinden DS mit
der Fraünforschung und mit der in den USA oder England verbreiteten Critical Race Studies, die sich u.a. mit Rassismus beschäftigen. Wie diese versuchen die DS nicht nur den Weg, wie Geschlecht,
"Rasse" bzw. Ethnie oder Behinderung, zu verstehen. Auch die Gruppe der Diskriminierten selbst soll durch die Forschung sichtbar gemacht werden. So widmen sich Disability Studies auch der
Geschichte und Kultur der Behindertenbewegung. Die Entwicklung einer eigenen Behindertenkultur (also z.B. Filme, Theater, Tanz, etc.) gehört ebenso zum festen Bestandteil der DS, wie die Behauptung, dass
Behinderte eine kulturelle Minderheit darstellen. Am weitesten fortgeschritten ist diese Annahme in der Gehörlosenforschung. Hier wird um die Frage gestritten, ob gehörlose Menschen behindert sind oder
ob sie einfach nur eine andere Sprache (nämlich die Gebärdensprache) sprechen. Ein weiteres wichtiges Anliegen der DS ist es, behinderte Menschen als Wissenschaftler und Wissenschaftlerin zu fördern. Was
Behinderung ist und welche wissenschaftlichen Fragen im Zusammenhang mit Behinderung bearbeitet werden, soll nicht mehr allein durch Nichtbehinderte bestimmt werden.
2. Wie sollte Disability Studies in Deutschland aussehen?
Das soziale Modell von Behinderung ist eigentlich in
Deutschland nichts Neüs, sondern seit langem bekannt. In der Behindertenpädagogik wird es seit vielen Jahren z.B. von dem Wissenschaftler Ulrich Bleidick beschrieben. Das medizinische Modell von
Behinderung wird heute fast einhellig von Sonder- und Heilpädagogen, Rehabilitationswissenschaftlerinnen und Behindertenpädagoginnen abgelehnt. Allerdings hat sich daraus bisher nur wenig neüs Wissen
über behinderte Menschen als unterdrückte Minderheit entwickelt.
Auch in der politischen Behindertenarbeit in Deutschland
spielt das soziale Modell von Behinderung seit mindestens dreißig Jahren eine Rolle. Aussagen, wie „behindert ist man nicht, behindert wird man“ oder „Behinderung ist kein medizinisches sondern ein
politisches Problem“ sind andere Ausdrücke für das soziale Modell von Behinderung. Es gibt auch Zeitschriften und Bücher aus der deutschen Behindertenbewegung und aus der Wissenschaft, die man zu DS
zählen könnte. Aber sie wurden bisher nicht so genannt.
In der Behindertenpolitik fehlt uns oft das theoretische
Dach, für unsere zahlreichen Dinge, die wir tun. In der Wissenschaft wird Behinderung immer noch fast ausschließlich durch Nichtbehinderte erforscht und erklärt. Das soziale Model von Behinderung ist
zwar modern geworden, es hat aber nicht wirklich zu einer grundlegenden Veränderung von Lehre und Ausbildung geführt.
Es gibt viele Themen, die in Deutschland aktüll sind und
für die DS wichtige Ideen geben könnte. Als Beispiele möchte ich die Gentechnologie und die medizinische Ethik nennen, oder die Diskriminierung behinderter Menschen im Alltag, oder die Aussonderung
behinderter Schüler und Schülerinnen in Sonderschulen.
Es gibt also gute Gründe, DS in Deutschland voran zu
treiben, und zwar durch Behinderte und Nichtbehinderte. Dabei müssen Behinderte eine wichtige Rolle spielen, denn viel zu lange haben Nichtbehinderte über Behinderte bestimmt und geforscht. Gleichzeitig
muß aber auch klar sein, daß anders als in der Politik, in der Wissenschaft der Grundsatz der Freiheit der Forschung und Lehre herrscht, d.h. niemandem darf verboten werden, DS zu betreiben.
DS sollte in Deutschland innerhalb und ausserhalb von
Hochschulen betrieben werden. Innerhalb der Hochschulen sollten die DS nicht nur in den Fachbereichen der Behindertenpädagogik, sondern auch in allen anderen Fachbereichen, wie Recht, Medizin,
Geschichte, Kunst, Literatur oder Philosophie geforscht und gelehrt werden. An unserer Fachhochschule biete ich z.B. seit dem Wintersemester 2000 /2001 im Rahmen des Faches "Recht, Verwaltung und
Organisation" DS Seminare an. Dabei werden z.B. folgende Themen behandelt: Internationale Menschenrechte und Behinderung, Vorbeugung von sexualisierter Gewalt gegen behinderte Fraün,
Antidiskriminierungsrechte für Behinderte, oder die Geschichte der Behindertenbewegung. Das soziale Modell von Behinderung ist in all diesen Lehrveranstaltungen ein wichtiger Bestandteil.
Ausserhalb der Hochschulen sollten DS in Deutschland in
eigenen Forschungs- und Bildungsinstituten der Behindertenbewegung vorangetrieben werden. DS sollte insbesondere zur Entwicklung einer eigenen Kultur führen. Auch hier gibt es ja mit dem Kasseler
Bildungs- und Forschungsinstitut zum Selbstbestimmten Leben und der Münchner Arbeitsgemeinschaft Behinderte in den Medien schon erste Vorreiter.
DS in Deutschland sollte aber nicht nur zu mehr
Wissenschaftlichkeit in der Behindertenpolitik führen. DS sollte immer auch die Verbindung zur Politik halten und offen bleiben für diejenigen unter uns, die aus dem Bildungssystem ausgesondert wurden
und noch werden. Damit meine ich insbesondere Menschen mit Lernschwierigkeiten, die allgemein geistig Behinderte genannt werden, diesen Begriff aber ablehnen. Wenn wir für Menschen mit
Lernschwierigkeiten offen sein wollen, müssen wir lernen, einfache Sprache zu benutzen, denn sonst baün wir selbst Barrieren auf. Ich habe mich bemüht, meinen Text in einfacher Sprache zu halten und ich
hoffe, es ist mir jedenfalls an einigen Stellen gelungen. Es war eine interessante Denkaufgabe für mich und ich kann nur jedem und jeder empfehlen, es auch einmal zu versuchen
Prof. Dr. Theresia Degener
Ev. Fachhochschule Bochum
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