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PARTIZIP Illustrierte - Reportage - Er geht nicht Blind durchs Leben

Punkt fĂŒr Punkt

Er geht (nicht) blind durchs Leben

In unserer Familie bin ich der einzige, der mit einer Augenerkrankung zur Welt gekommen ist. Als viertes von fĂŒnf Kindern bin ich 1972 in Hildesheim geboren. FĂŒr eine Sehbehinderung/Blindheit gibt es viele verschiedene Ursachen, in meinem Fall war es von Geburt an der GrĂŒne Star (Augenhochdruck, Glaukom). Im Alter von vier Jahren bin ich zunĂ€chst auf dem linken Auge und im Alter von 15 Jahren auch auf dem rechten Auge erblindet. Meine völlige Erblindung wurde von Anfang an durch die AugenĂ€rzte prognostiziert, so dass ich von Beginn an eine Sonderschule fĂŒr blinde Menschen besuchte. Dort erlernte ich die Blindenschrift. Nach meiner Erblindung erhielt ich ein Training zur Orientierung und MobilitĂ€t, d. h. dass Erlernen des Laufens mit dem weißen Blindenlangstock. Zum Erreichen meiner weitestgehend selbstĂ€ndigen LebensfĂŒhrung gibt es diverse Hilfen. Eine ist z. B. das bereits erwĂ€hnte Langstocktraining (Training fĂŒr O und M). Dies soll blinde Menschen befĂ€higen, sich in ihrer gewohnten Umgebung (Wohnort, Arbeit, Einkaufen, Freizeit usw.) alleine zurechtzufinden. Als eine ErgĂ€nzung zu diesem selbstĂ€ndigen Laufen kennen viele sicherlich den BlindenfĂŒhrhund als Begleiter eines blinden Menschen. Aufgrund meiner momentanen Lebenssituation (bevorstehende Zweitausbildung, verbunden mit Wohnortwechsel und Wochenendpendelei) kommt ein Hund fĂŒr mich zur Zeit nicht in Frage. DarĂŒber hinaus gibt es das Training fĂŒr lebenspraktische Fertigkeiten. Der Inhalt dieses Trainings ist sehr vielfĂ€ltig und kann sehr individĂŒll abgestimmt werden. Sie reichen vom Erlernen der Unterschrift, Körper- und WĂ€schepflege, von Essenstechniken und Kochen, bis hin zum reinigen der eigenen Wohnung. Ohne dieses Training hĂ€tte ich meine Ausbildung zum Dipl. Sozialarbeiter an einer regulĂ€ren Fachhochschule sicher nicht durchfĂŒhren können. Desweiteren benutze ich auch elektronische Hilfsmittel, die speziell fĂŒr blinde Menschen entwickelt sind. Ich habe beispielsweise eine abtastbare Uhr. Ich lese BĂŒcher in Blindenschrift oder höre sie auf Kassette. Es gibt auch einen „sprechenden“ Computer, wo mit Hilfe eines Scanners Texte in Schwarzschrift eingelesen werden und spĂ€ter per Sprachausgabe des Computers widergegeben werden. FĂŒr eine sichere und selbstĂ€ndige LebensfĂŒhrung blinder Menschen ist eine barrierefreie Umwelt besonders wichtig. Barrierefrei heißt in diesem Fall unter anderem, dass alle Ampelanlagen mit Signaltongebern ausgestattet sind, dass FahrplĂ€ne und Orientierungshinweise auch akustisch bzw. in Blindenschrift zur VerfĂŒgung stehen u.v.m. Der Grad der MobilitĂ€t blinder Menschen ist sehr unterschiedlich, deshalb mĂŒssen Hilfestellungen fĂŒr blinde Menschen auch sehr individĂŒll sein.

Gerd Schwesig

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