Startseite
Illustrierte
Veranstaltungen
Fortbildung
Abonnentenbereich
Ab hier Untermenü - Reportagen
Larry Flint
Vinny Lauwers
Er geht ( nicht ) Blind
Engel ohne Flügel
Adolf Ratzka
Der amputierte Frieden
Neu denken
E-Rolli Town
Ein Rolli entsteht
Trotz alledem
Frida Kahlo
Muhammad. Ali
Nutze den Tag
Terror in Nahost
Namibia
PATIZIP Illustrierte - Reportage - Engel ohne Flügel
Model trotz Behinderung

Engel ohne Flügel

Models mit Behinderungen

 

In einem amerikanischen Fast-Food-Restaurant wird

ein Kindergeburtstag gefeiert, mittendrin ein Kind im

Rollstuhl, das ausgelassen mit den anderen spielt. Eine

Szene aus einem amerikanischen Werbespot für

McDonalds. In den USA gehören behinderte Menschen

zum Alltag, auch in der Werbung. Ist Europa endlich

auch soweit?

 

Behinderte Kinder mit dem Down-Syndrom werben vor ein paar Jahren für farbenfrohe Kleidung. Für diese Kampagne gibt es viel Lob, dennoch bleiben behinderte Models in der Werbung von TV- und Printmedien die große Ausnahme.

Oliviero Toscani, Fotograf und Erfinder dieser Werbekampagne, in der Benetton für ihre Produkte wirbt, will gesellschaftliche Themen in den Fokus der Öffentlichkeit ziehen, sich dafür engagieren, gleichzeitig damit aber auch den Namen der Firma bekannt machen. Hier hat die italienische Modefirma in Europa Neuland betreten und eine Vorreiterrolle übernommen.

Werbung baut heute auf Lebensgefühle, auf Identifikation mit den Menschen, die uns die Werbung zeigt. Die Firmen verkaufen ihre Produkte mit Emotionen. Leider stellen die Werbetreibenden in Bezug auf behinderte Models immer wieder die falschen Fragen: „Wer möchte sich schon mit einem Behinderten identifizieren?“ oder „Stehen Behinderte wirklich für Lebensqualität?“.

Nachdem der Auftakt der Modewoche Alto Moda in Rom vor drei Jahren von einem Streit um behinderte Models überschattet wurde, mehrere Modedesigner boykotierten die Veranstaltung, weil behinderte Models Mode im Rollstuhl vorführten, ist es jetzt wieder ein Italiener, der mutig Neuland betritt. Der italienische Kunst- und Werbefotograf Gianfranco Angelico Benvenuto (50) fotografiert für den Verein „Angeli senza Ali“ zwölf Fraün im Rollstuhl, die alle unbekleidet sind. Daraus resultiert ein gleichnamiger Pin-up-Kalender für das Jahr 2003.

Ins Deutsche übersetzt heißt der Verein „Engel ohne Flügel“ und ist ein Zusammenschluss von etwa 6.500 Qürschnittsgelähmten in Italien. Mit diesen provozierenden Bildern will Benvenuto die Menschen in das Blickfeld der Öffentlichkeit rücken, die zum Beispiel durch einen Verkehrsunfall gelähmt sind und sich von Staat und Gesellschaft vergessen fühlen. In Italien so „Angeli senza ali“, gebe es keine zentrale Forschungs- und Rehabilitations-einrichtung für schwere Rückenmarkverletzungen. Die Kalendererlöse und Spenden sollen das ändern. Benvenuto sagt dazu: „Mit meinen Bildern kann ich ihnen die Kleider nehmen, den Rollstuhl aber nicht - das kann nur die Forschung“. Aus diesem Grund lässt der Fotograf seine Modelle für die Aufnahmen im Rollstuhl sitzen. Sie sind unverklemmte, moderne, junge Fraün. So wie sie uns an jedem Zeitungskiosk oder auf den Werbeplakaten für die angeblich schönen Dinge des Lebens an jeder Bushaltestelle begegnen.

Alles könnte so schön „normal“ sein, und wenn wir vor lauter Berührungspanik und Scham nicht so entsetzlich blind wären, könnten wir auch bemerken, wie verdammt sexy jemand in einem Rollstuhl aussehen kann.

Doch leider gibt es solche Bilder nicht oft. Während Ende der 80er Jahre die qürschnittsgelähmte Ellen Stohl den Playboy eroberte, werden behinderte Menschen heute wieder verstärkt als Neutren wahrgenommen. Im Gegensatz zu Benvenuto heute, legte der Playboy damals wesentlich weniger Wert auf den Rollstuhl, sondern zeigte mehr vom eigentlichen Model. Sie wollten auch nicht zuviel Gewichtung auf die Behinderung legen.

Wichtig ist doch, dass behinderte Menschen überhaupt wahrgenommen werden. Ob nun mit oder ohne ihr Hilfsmittel, ist nicht entscheidend. So gibt es in Deutschland nur einen Fotografen, der regelmäßig mit behinderten Fraün und Männern als Models arbeitet. Rasso Bruckert fotografiert seine Models mit und ohne ihre Hilfsmittel wie Rollstuhl, Prothese oder Krücke. Ob in der Sport- oder Porträfotografie, im Akt oder in der sozial- dokumentarischen Darstellung, immer steht der Mensch im Mittelpunkt.

Dennoch, national wie international, bewirken behinderte Models immer noch eine große Verunsicherung. Auch international anerkannte Models, wie Aimeé Mullins oder Heather Mills haben ihre Karriere weitgehend beendet. Scheinbar gibt es keinen Markt. Dabei benutzen wir doch kein spezielles Rollo-Deo, oder?! Menschen mit Behinderungen als Teil der Gesellschaft zeigen, könnte bedeuten, dass der Satz „Heute ist ein Persona-Tag“ freudig von einer jungen Frau im Rolli gesprochen wird, die daraufhin zu ihrem Partner rollt, der sie zu sich ins Bett hebt. Ebenso könnte das strahlende Zahnpasta-Weiß von einem blinden Menschen in die Kamera gelächelt werden.

Ralph Büsing

 Möchten Sie diese interessante Reportage komplett lesen? Dann bestellen Sie PARTIZIP!

Seitenanfang