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Engel ohne Flügel
Models mit Behinderungen
In einem amerikanischen Fast-Food-Restaurant wird
ein Kindergeburtstag gefeiert, mittendrin ein Kind im
Rollstuhl, das ausgelassen mit den anderen spielt. Eine
Szene aus einem amerikanischen Werbespot für
McDonalds. In den USA gehören behinderte Menschen
zum Alltag, auch in der Werbung. Ist Europa endlich
auch soweit?
Behinderte Kinder mit dem Down-Syndrom werben vor ein paar Jahren für farbenfrohe
Kleidung. Für diese Kampagne gibt es viel Lob, dennoch bleiben behinderte Models in der Werbung von TV- und Printmedien die große Ausnahme.
Oliviero Toscani, Fotograf und Erfinder dieser Werbekampagne, in der Benetton für
ihre Produkte wirbt, will gesellschaftliche Themen in den Fokus der Öffentlichkeit ziehen, sich dafür engagieren, gleichzeitig damit aber auch den Namen der Firma bekannt machen. Hier hat die italienische
Modefirma in Europa Neuland betreten und eine Vorreiterrolle übernommen.
Werbung baut heute auf Lebensgefühle, auf Identifikation mit den Menschen, die uns
die Werbung zeigt. Die Firmen verkaufen ihre Produkte mit Emotionen. Leider stellen die Werbetreibenden in Bezug auf behinderte Models immer wieder die falschen Fragen: „Wer möchte sich schon mit einem
Behinderten identifizieren?“ oder „Stehen Behinderte wirklich für Lebensqualität?“.
Nachdem der Auftakt der Modewoche Alto Moda in Rom vor drei Jahren von einem Streit
um behinderte Models überschattet wurde, mehrere Modedesigner boykotierten die Veranstaltung, weil behinderte Models Mode im Rollstuhl vorführten, ist es jetzt wieder ein Italiener, der mutig Neuland betritt. Der
italienische Kunst- und Werbefotograf Gianfranco Angelico Benvenuto (50) fotografiert für den Verein „Angeli senza Ali“ zwölf Fraün im Rollstuhl, die alle unbekleidet sind. Daraus resultiert ein gleichnamiger
Pin-up-Kalender für das Jahr 2003.
Ins Deutsche übersetzt heißt der Verein „Engel ohne Flügel“ und ist ein
Zusammenschluss von etwa 6.500 Qürschnittsgelähmten in Italien. Mit diesen provozierenden Bildern will Benvenuto die Menschen in das Blickfeld der Öffentlichkeit rücken, die zum Beispiel durch einen
Verkehrsunfall gelähmt sind und sich von Staat und Gesellschaft vergessen fühlen. In Italien so „Angeli senza ali“, gebe es keine zentrale Forschungs- und Rehabilitations-einrichtung für schwere
Rückenmarkverletzungen. Die Kalendererlöse und Spenden sollen das ändern. Benvenuto sagt dazu: „Mit meinen Bildern kann ich ihnen die Kleider nehmen, den Rollstuhl aber nicht - das kann nur die Forschung“.
Aus diesem Grund lässt der Fotograf seine Modelle für die Aufnahmen im Rollstuhl sitzen. Sie sind unverklemmte, moderne, junge Fraün. So wie sie uns an jedem Zeitungskiosk oder auf den Werbeplakaten für die
angeblich schönen Dinge des Lebens an jeder Bushaltestelle begegnen.
Alles könnte so schön „normal“ sein, und wenn wir vor lauter Berührungspanik
und Scham nicht so entsetzlich blind wären, könnten wir auch bemerken, wie verdammt sexy jemand in einem Rollstuhl aussehen kann.
Doch leider gibt es solche Bilder nicht oft. Während Ende der 80er Jahre die
qürschnittsgelähmte Ellen Stohl den Playboy eroberte, werden behinderte Menschen heute wieder verstärkt als Neutren wahrgenommen. Im Gegensatz zu Benvenuto heute, legte der Playboy damals wesentlich weniger Wert
auf den Rollstuhl, sondern zeigte mehr vom eigentlichen Model. Sie wollten auch nicht zuviel Gewichtung auf die Behinderung legen.
Wichtig ist doch, dass behinderte Menschen überhaupt wahrgenommen werden. Ob nun
mit oder ohne ihr Hilfsmittel, ist nicht entscheidend. So gibt es in Deutschland nur einen Fotografen, der regelmäßig mit behinderten Fraün und Männern als Models arbeitet. Rasso Bruckert fotografiert seine
Models mit und ohne ihre Hilfsmittel wie Rollstuhl, Prothese oder Krücke. Ob in der Sport- oder Porträfotografie, im Akt oder in der sozial- dokumentarischen Darstellung, immer steht der Mensch im Mittelpunkt.
Dennoch, national wie international, bewirken behinderte Models immer noch eine
große Verunsicherung. Auch international anerkannte Models, wie Aimeé Mullins oder Heather Mills haben ihre Karriere weitgehend beendet. Scheinbar gibt es keinen Markt. Dabei benutzen wir doch kein spezielles
Rollo-Deo, oder?! Menschen mit Behinderungen als Teil der Gesellschaft zeigen, könnte bedeuten, dass der Satz „Heute ist ein Persona-Tag“ freudig von einer jungen Frau im Rolli gesprochen wird, die daraufhin zu
ihrem Partner rollt, der sie zu sich ins Bett hebt. Ebenso könnte das strahlende Zahnpasta-Weiß von einem blinden Menschen in die Kamera gelächelt werden.
Ralph Büsing
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