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PARTIZIP Reportage - Ratzka Adolf Rebell im Rollstuhl

Rebell im Rollstuhl

Experte in eigener Sache

Adolf Ratzka betrachtet Schweden zwar nicht als sein Fluchtort, aber Bayern ist keine Alternative für ihn und seine Familie. In Schweden bekommt der 59-jährige Sozial-Experte all die Hilfe, die er für ein selbstbestimmtes Leben braucht. „In Deutschland würde man mich für meine Behinderung bestrafen: Meine Frau könnte nicht arbeiten, sondern sie müsste für mich da sein. Wir hätten den Lebensstandard von Sozialhilfe-Empfängern“, sagt er.

Adolf Ratzka

Als 17-Jähriger erkrankt Ratzka an Kinderlähmung. Damals lebt er noch im oberbayerischen Manching. Heute ist der Rollstuhl-Fahrer als Verfechter eines selbstbestimmten Lebens für Menschen mit Behinderungen in der deutschen Sozialpolitik ein gefragter Experte. In Stockholm leitet der Soziologe das Institute on Independent Living. Geradezu beschwörerisch tritt Ratzka in seiner alten Heimat auf, wenn er zum Thema «Selbstbestimmtes Leben für behinderte Menschen» das Wort ergreift.

Immer wieder erläutert er in Diskussionsrunden und auf Vortragsreisen die Vorteile des schwedischen Unterstützungs-Modells. Die Sozialversicherung in Schweden ermittelt den individüllen Unterstützungsbedarf der behinderten Menschen und gibt ihnen - trotz Sparzwang - ein persönliches Budget, damit sie ihre Hilfskräfte selbst anstellen und ein unabhängiges Leben führen können. In Bayern leben nach Angaben des Statistischen Landesamtes etwa 26.800 Menschen mit Behinderungen in Heimen oder in betreuten Wohnanlagen. Wer wie Ratzka lieber in eigenen vier Wänden wohnen und als Arbeitgeber seine Hilfskräfte selbst anstellen möchte, bekommt nach dem Bundessozialhilfegesetz vom Sozialamt in der Regel nur das Geld bis zur Höhe der erheblich niedrigeren Heimkosten.

Ratzka ruft zum Widerstand auf: Insbesondere in Würzburg, wo in den letzten Jahren Menschen mit Schwerstbehinderung vermehrt vor dem Verwaltungsgericht mit dem Sozialamt um eine selbst organisierte Hilfe streiten, ermutigt er die Kläger.

                                                                                                                       Kevvan Dahesh

Wir bedanken uns für die freundliche Genehmigung zum Abdruck dieses am 28.3.03 in der Süddeutschen Zeitung erschienenArtikels.

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