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Hella von Sinnen
Partizip Illustrierte / Interview Kai Pflaume

Nur die Liebe zählt

Eine Karriere ohne Handicap

Durchschnittlich verfolgen Sonntags bis zu fünf Millionen  Menschen seine Shows. Damit bewegt sich Kai Pflaume unter den Top Ten der  deutschen Moderatoren. PARTIZIP trifft den Wunschschwiegersohn Deutschlands Mütter im Park Hyatt in Hamburg.

PARTIZIP: An ihrem rechten Zeigefinger fehlt die Hälfte, haben sie das jemals als Beh- inderung empfunden, und sei es nur, dass andere  unangenehm geguckt haben?

Kai Pflaume: Ich habe die Fingerkuppe mit 2 Jahren in einer  Tür abgeklemmt. Das einzige Mal, wo ich das wirklich als Behinderung empfunden  habe, war, als ich angefangen habe Schreiben zu lernen. Normalerweise hält man  den Stift mit dem Zeigefinger, ich halte den Stift heute mit dem Mittelfinger.  Aber ich werde auch nie vergessen, wie man mir mal auf einem Titelbild der  Zeitschrift Super Illu, eine Fingerkuppe angebaut hat.

Kai Pflaume im Gespraech mit Ralph Buesing

PARTIZIP: Das ist nicht ihr Ernst!

Kai Pflaume: Ich habe das selber gar nicht registriert,  meiner Mutter ist es aufgefallen. Ich glaube, es war ein Titelbild zum Muttertag, ich hatte einen Strauss Blumen in der Hand, so, dass von der Faust her dieser Finger direkt zu sehen war. Und die haben mir wirklich in der Nachbearbeitung einen Finger daran gebastelt, das ist hart, nicht? Das passte  ihnen irgendwie nicht in den Kram und dann haben sie das Problem einfach behoben.

PARTIZIP: Menschen, denen wesentlich mehr Gliedmassen fehlen, essen zum Teil mit den Füssen. Können Sie sich vorstellen, dass Menschen  wegen solcher Dinge das Restaurant verlassen, oder bei ihrem Reiseveranstalter  um Preisnachlass wegen verminderter Urlaubsfreuden klagen?

Kai Pflaume: Ich kann mir schon vorstellen, dass so etwas  passiert, weil ich weiss, wie viele verrückte und kranke Leute es gibt, aber ich habe überhaupt kein Verständnis dafür. Das ist eine solche Intoleranz und Ignoranz, die völlig ihresgleichen sucht.

PARTIZIP: Was bedeutet Ihnen ein gesunder, funktionstüchtiger Körper?

Kai Pflaume: Ein besonders funktionstüchtiger Körper ist natürlich wichtig. Er hat für mich viel mit meinem Beruf zu tun, dass ich ihn so  ausüben kann, wie ich es jetzt im Moment mache.

PARTIZIP: Können Sie sich vorstellen, eine  Unterhaltungsshow vom Rollstuhl aus zu moderieren?

Kai Pflaume: Ich kann mir das grundsätzlich schon  vorstellen, aber das ist auch eine Frage der Akzeptanz des Zuschaürs. Ich weiss nicht, ob der Zuschaür das so akzeptieren würde. Es gibt überhaupt keine  Erfahrungen. Ich wüsste nicht, dass es irgendwo einen Moderator gibt, der im Rollstuhl sitzt und eine Unterhaltungsshow moderiert. Es wäre vielleicht etwas anderes, wenn jemand, der vorher schon im Fernsehen gearbeitet hat, z.B. durch einen Unfall im Rollstuhl sitzt und dann wiederkommt. Aber wenn sich heute ein Rollstuhlfahrer als Moderator bewerben würde, dann gäbe es, glaube ich, so viele, wahrscheinlich unbegründete Vorurteile der Verantwortlichen, dass es gar  nicht dazu kommen würde, es auszuprobieren.

PARTIZIP: Haben Sie schon oft behinderte Kandidaten bei  "Nur die Liebe zählt" gehabt? Wie sieht das Publikum diese Kandidaten?

Kai Pflaume: Also das ist ein Thema, das wir schon mehrfach  gehabt haben. Das war nie ein Problem. Es war aber auch nie ein Thema für uns, nur weil einer von beiden im Rollstuhl sitzt, ich glaube, wir würden damit  niemandem einen Gefallen tun. Das ist für uns eine Liebesgeschichte, wobei es dabei völlig zweitrangig ist, ob da einer von beiden oder beide im Rollstuhl  sitzen oder nicht. Für unsere Zuschaür war das auch nie so, dass sie etwa gesagt haben, das schaü ich mir nicht an, so etwas war weder spürbar noch gab es irgendwelche Reaktion. Genauso wenig haben wir gesagt, nun schaün sie gut hin, also wie gesagt, da ist für uns einfach Normalität gefragt und angesagt.

PARTIZIP: Können Sie sich für sich selbst eine behinderte Partnerin vorstellen, abgesehen davon, dass sie bereits vergeben sind?

Kai Pflaume: Das ist eine schwere Frage, also, ich glaube,  die Antwort kann man nur offen lassen. Ich kann jetzt nicht sagen, dass kann ich  mir logischerweise vorstellen, das ist bestimmt nicht ehrlich. Es hängt von den  Umständen, von der Situation ab. Aber ich meine, jeder von uns muss täglich mit dem Gedanken leben, dass so etwas ja auch innerhalb einer bis dato, ich sage bewusst "ganz normal" verlaufenden Beziehung passieren kann, dass einer durch Unfall oder Krankheit im Rollstuhl sitzt. Dann muss man sich die Frage stellen, wie man selber die Beziehung beurteilt, wenn die Frau, mit der Du jahrelang ein  gemeinsames Leben gefährt hast, plötzlich im Rollstuhl sitzt.

Kai Pflaume und Ralph Buesing im Gespraech

PARTIZIP: Sie sind ein sehr humorvoller Mensch und mögen den Humor von Harald Schmidt. Darf man über Behinderung lachen?

Kai Pflaume: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass jeder Behinderte wahrscheinlich krassere Behindertenwitze erzählen würde als Du selber  Dich jemals traün würdest. Harald Schmidt hat mal etwas gesagt, und da würde ich ihm zustimmen, er hat gesagt, die wahre Ausgrenzung liegt da, wo man mit bestimmen Menschen gar keine Witze machen soll. Wir machen Witze über  Ostfriesen, über Polen, über Schwarze, wir machen Witze über Homosexülle, ohne  jetzt irgendeine Definition einer Gruppe vorzunehmen, aber wir machen auch Witze  über blonde Fraün, wir machen Witze über ganz normale Menschen, also warum soll  man keine Witze über Behinderte machen.

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