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Interview mit Hella von Sinnen
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Kein Blatt vor den Mund

 

PARTIZIP im Gespräch mit Hella von Sinnen

PARTIZIP: Hella von Sinnen, haben Sie sich darüber Gedanken gemacht, worin es bei einem Interview mit einer Behindertenzeitschrift gehen könnte?

Hella von Sinnen: Ich gehe mal davon aus, daß es um behinderte und nichtbehinderte Menschen geht. Ich selbst habe eine Tante mit Down-Syndrom gehabt. So bin ich als kleines Mädchen damit aufgewachsen, daß eine geistig behinderte Tante, die nicht ins Heim sollte, bei uns in der Familie lebte. 

PARTIZIP: Könnten Sie sich vorstellen, selbst ein behindertes Kind großzuziehen?

Hella von Sinnen: Da muß ich ganz ehrlich sagen, da haben wir beide (Conny und ich) momentan überhaupt keinen Kopf für. Wir sind beide sehr egoistische Menschen, die sich heiß lieben, die jede Minute am Tag genießen zu zweit zu sein, Ruhe zu haben, wenn wir nicht zusammen arbeiten. Ich hatte auch nie das Bedürfnis so einen schreienden Wurm auf dem Arm zu haben, oder ihn gar selber zu gebähren. Also wenn, dann könnten wir uns wohl vorstellen, ein Kind zu adoptieren, was für lesbische Paare in diesem Lande aber nicht geht. Wenn wir Kinder adoptieren würden, können wir uns sehr gut vorstellen, daß auch ein behindertes Kind dabei ist.

PARTIZIP: Gibt es viele behinderte Fraün, die in der Lesbenszene aktiv sind oder dort ein Zuhause gefunden haben?

Hella von Sinnen: Ich bin in der „Lesbenszene“, so es sie denn noch gibt, seit etwa 15 Jahren nicht mehr tätig. Anfang der 80ger Jahre war ich sehr aktiv. Wir hatten ein Fraünzentrum mit steilen Treppen, das nicht behindertengerecht war. Trotzdem habe ich da viele Rollifahrerinnen und andere behinderte Fraün gesehen. Ich glaube, daß lesbische Fraün im Gegensatz zu schwulen Männern nicht diese angeblich ästhetischen Supertrouper-Kriterien an einen Körper anlegen. Die  Frau an sich schaut schon mal hinter die Fassade. Es geht für sie mehr um Köpfchen und um das, was in einem Menschen wohnt. Deswegen glaube ich, daß behinderte lesbische Fraün es in der Lesbenszene vielleicht leichter haben, als behinderte Männer in der Schwulenszene.

PARTIZIP: Also gibt es da nicht diesen Körper- oder Jugendlichkeitskult, wie er in der Schwulenszene betrieben wird.

Hella von Sinnen: In der Lesbenszene gibt es ihn nicht in dem Maße wie in der Schwulenszene.  Manchmal sehe ich in der Disko viele junge attraktive Weiber, die ein bischen anders drauf sind als wir  damals, in den 70ger Jahren aus der Fraünbewegung, mit unsern Körnern und Latzhosen. Aber es gibt auch viele ältere lesbische Fraün und ich glaube nicht, daß da so eine brutale Ausgrenzung stattfindet.

PARTIZIP: Die Medien haben sich in den letzten Jahren immer stärker auf das Thema Homosexualität gestürzt. Hat das dazu beigetragen, das Thema gesellschaftsfähig zu machen? Wäre es für Behinderte auch ein Weg?

Hella von Sinnen: Davon bin ich felsenfest von überzeugt. Ich bin 1959 in Gummersbach geboren. Als ich 1974/75 meine lesbischen Neigungen entdeckt habe, war die einzige Lesbe auf der ganzen Welt Martina Navratilova. Da dachte ich, du bist ja nicht alleine lesbisch, es gibt noch eine. Die jungen Menschen, die jetzt ins Fernsehen gucken, haben einen viel normaleren Umgang mit Lesbisch-Sein oder Schwul-Sein. Das liegt sicherlich an den Soup-Operas oder das man weiß, Dirk Bach, Alfred Biolek, Ralf Morgenstein sind schwul, Maren Kroymann, Hella von Sinnen sind lesbisch. Das wäre natürlich wichtig, wenn auch Eure Show nicht nur auf dem Offenen Kanal Hannover liefe, sondern im ARD.

PARTIZIP: Wenn die Medien sich für Tabuthemen öffnen, ist das dann wirklich ein ernsthaftes Interesse oder ist es ein Voyeurismus des Zuschaürs, der bedient werden möchte?

Hella von Sinnen: Als Lesbe geht es mir natürlich auch so, daß ich mich schon frage, warum liegt da jetzt dieses lesbische Paar im Bett. Weil es die Quote hochbringt, oder ist ein emanzipatorisches Interesse dahinter? Das Auftauchen, das Stattfinden ist erst mal wichtiger, als das da irgendein Idiot vor der Mattscheibe sich darauf einen runterholt. Das kann man natürlich nicht ausschließen.

PARTIZIP: Sex ist ein natürliches Gut, das jedem Menschen zusteht. Bei behinderten Menschen ist dies oft ein rein praktisches Problem. Was halten Sie von „Sex auf Krankenschein“?

Hella von Sinnen: Ich glaube, daß ich das gut finde. In einem Bericht sah ich, dass es in Holland Prostituierte gibt, die zu Jungs im Rollstuhl gehen und ihnen einen blasen oder sich auf sie draufsetzen, weil sie einfach nicht die Möglichkeit haben auf „normalem Wege“ Sexualpartner kennenzulernen. Als ich den Beitrag gesehen hab, erschien es mir als korrekte Maßnahme. Denn ich finde Sexualität unheimlich wichtig und lebensnotwendig. Gibt es eigentlich behindertengerechte Puffs in Deutschland oder auf St. Pauli?

PARTIZIP: In den meisten Fällen müssen Rollifahrer sicherlich zum Telefon greifen und jemanden anrufen, damit sie zu Hause besucht werden. Aber vielleicht wird es eines Tages die eine oder andere Puffmutter oder Puffvater geben, die erkennen, daß dies ein Markt ist.

Hella von Sinnen: Ich denke ganz oft bei Jungs im Rollstuhl, die kriegen die gar keinen mehr hoch. Aber ich kann das nicht beurteilen, vielleicht ist das gar nicht so. Es gibt ja zum Beispiel bei impotenten Leuten Penispumpen und dit und dat. Ich weiß nicht, wie das ist. Bekommen Sie einen hoch?

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