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Partizip: Haben Sie einen persönlichen Bezug zum Thema Behinderung?
Jauch: Ja, ich habe einen Cousin, der an Kinderlähmung erkrankt ist in den 50er Jahren. Wenn ich länger darüber nachdenken würde, wärden mir wahrscheinlich noch mehrere einfallen, aber ich gebe
zu, je länger man mit einem Menschen zu tun hat, je mehr verwischt das auch und es ist gar nicht mehr so entscheidend. Vor allen Dingen dann, wenn man sich mit Leuten streitet. Ich habe mich z.B. mit
Udo Reiker, mein Chef beim Bayerischen
Rundfunk, der nach einem Unfall auch qürschnittsgelähmt ist, inhaltlich oft bis aufs Messer gestritten und habe dabei festgestellt, dass, wenn man mit jemandem Probleme hat, man die Behinderung
ganz automatisch verdrängt.
Partizip: Sie hatten Wolfgang Schäuble zu Gast, was steht in
so einem Gespräch für Sie im Vordergrund, seine Person als Politiker, oder der Mensch mit seinem Schicksal ?
Jauch:
Wolfgang Schäuble ist ein gutes Beispiel. Als es darum ging, dass das Attentat auf ihn verübt wurde, und er aus dem Krankenhaus heraus die ersten Interviews gegeben hat, ging es,
denke ich mal, fast ausschliesslich zu 100 % um seine Behinderung. Inzwischen spielt die Behinderung, wenn man Wolfgang Schäuble in eine Sendung einlädt, keine Rolle. Schäuble ist damit selbst sehr an die Öffentlichkeit gegangen. Ich erinnere mich noch an diesen Stern-Titel, der sinngemäss hiess: Ein Krüppel als Kanzler?
Partizip:Können Sie sich einen Kanzler im Rollstuhl vorstellen?
Jauch: Ich weiss noch, dass unter
Kollegen die Behindertendebatte geführt wurde, "... kann man den Alltag eines Bundeskanzlers körperlich im Rollstuhl durchhalten?". Wir waren uns zwar im Grossen darüber einig, "Ja, das kann man", wir waren uns aber nicht einig darüber, ob das in der Bewertung für die Wähler eine Rolle spielen würde. Die Mehrzahl meiner Kollegen meinte, im Bewusstsein der Deutschen
würde das eine Rolle spielen.
Partizip: Können Sie sich vorstellen, dass
durch die stärkere Präsentation behinderter Menschen in den Medien eine Bewusstseinsveränderung in der Gesellschaft herbeigeführt werden könnte?
Jauch:
Ich weiss es nicht. Ich sage Ihnen mal ein für meine Begriffe positives Beispiel aus den Medien. Es gab da letztens diese Serie mit Senta Berger und einem Bobby. Einem Mann mit Down-Syndrom, der,
glaube ich, vielen, die die Krankheit oder Behinderung nicht kennen, sozusagen die Angst und die Sorge genommen hat, und viele jetzt unbefangener auf Menschen
mit einem Down-Syndrom zugehen können. Probleme habe ich grundsätzlich sagen wir mal mit so Proporz-Besetzungen. Wenn Sie also beispielsweise sagen, 8 % aller im TV befindlichen Moderatoren müssen
jetzt behindert sein. Das hielte ich für problematisch. Ich glaube, dass man Behinderten damit keinen Gefallen tut.
Partizip: Auffallend ist, wenn behinderte Menschen im Fernsehen gezeigt
werden, es in der Regel Ausnahmebehinderte sind, die etwas ganz Besonderes getan haben. Ist das denn der richtige Weg ?
Jauch:
Es ist natürlich auch so, dass auch Nichtbehinderte etwas Besonderes leisten müssen, um in den Medien aufzutauchen, sei es eine sportlich herausragende Leistung oder im Theater mit einer besonderen
Rolle.
Ich glaube, dass man da den Nichtbehinderten Unrecht tut, wenn man sagt, dass sie einfach so normal im Fernsehen sind, und Behinderte eine herausragende Leistung bringen müssen. Ein Nichtbehinderter, der sehr mässig Klavier spielt, hat im Fernsehen keine besondere Chance, wenn er ein richtig guter Pianist ist, dann schon eher. Dadurch, dass Michel Petruciani ein so herausragender Pianist war, hat er dieses
Forum bekommen. Ich will einräumen, dass es speziell für Medienmenschen diese Ambivalenz "tolle Leistung" und "der ist im
übrigen auch behindert" manchmal reizvoll ist, diesen Aha-, Ach-ja-Effekt hervorzurufen.
Partizip: Was halten Sie von der Aktion Sorgenkind ?
Jauch: Ich habe grosse
Probleme mit dem Namen
Aktion Sorgenkind. Also erst mal der Begriff "Kind" ist total daneben, und dann dieses übers Köpfchen streicheln: "Sorgenkind", das ist für mich in doppelter Hinsicht total daneben. Ich bin dafür,
dass man den Namen abschafft
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